Juli. Die Senke schrumpft.
Ich erinnere mich an den Tag, als das Wasser zum ersten Mal den Schlammrand freigab. Wir waren zu viert geschlüpft, aus demselben Laichballen, in einer feuchten Senke in der Wiese, mitten in der Schrannen Bünt. Dieser Sommer war gnadenlos, Woche um Woche Hitze, kein Regen, und unsere Welt wurde jeden Tag kleiner.
Die Schafe, die hier weideten, kamen manchmal bis an unseren Rand, stapften vorsichtig um das letzte Wasser herum, als wüssten sie, wie kostbar es war. Einmal, an einem ruhigen Nachmittag, dröhnte in der Nähe ein Bagger, nicht bei uns, aber nah genug, dass die Erschütterung durch den Schlamm lief. Die Vereinsleute liessen Bodenproben nehmen, um herauszufinden, wo der Bach dereinst wieder fliessen soll. Ich verstand damals nicht, wofür das alles war. Heute weiss ich: Es war der Anfang von etwas Gutem für uns alle.
Die anderen spürten die Hitze auch. Wir frassen hastiger, wuchsen schneller, als ob unsere Körper wüssten, dass die Zeit knapp wurde. Kein Zögern mehr. Eines Nachmittags war die Senke nur noch eine Handbreit Schlamm. Zwei von uns schafften es nicht. Ich spürte meine Hinterbeine schon kräftig genug, kroch über den rissigen Boden, bevor die letzte Lache verdunstete, und sass zum ersten Mal an der Luft, atemlos, lebendig.
Seither bin ich allein unterwegs. Unken wie ich sind keine Herdentiere, jeder sucht sein eigenes Versteck, seinen eigenen Weg. Tagsüber verkrieche ich mich unter Totholz oder in der feuchten Streuschicht am Wiesenrand, geschützt vor Elstern und Amseln, die Jungtiere wie mich nicht verschmähen. Erst in der Dämmerung werde ich aktiv: Ich jage am Boden nach Käfern, kleinen Spinnen, Mückenlarven, alles, was sich bewegt und in mein Maul passt.
Ob ich Männchen oder Weibchen bin, weiss ich noch nicht, das zeigt sich erst, wenn ich geschlechtsreif bin, in zwei Jahren vielleicht. Bis dahin bin ich einfach ein Jungtier auf Wanderschaft. Andere wie ich ziehen bis zu drei Kilometer weit, um einen neuen Tümpel zu finden, die Alten dagegen bleiben ihrem Zuhause treu. Ich weiss nicht, ob ich bleibe oder weiterziehe. Ich weiss nur: Wer diesen Herbst übersteht, wer das richtige Winterversteck findet, frostsicher, feucht, tief genug, der hat die grösste Prüfung seines kurzen Lebens schon hinter sich.
Im Frühling werde ich wieder herauskommen. Vielleicht erzähle ich dann vom nächsten Sommer.